Predigt zum Altjahresabend (31. Dezember 2011 in Schornsheim/Udenheim)

 

2MOSE 13

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam

am Rande der Wüste.

21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer

Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in

einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht

wandern konnten.

22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die

Feuersäule bei Nacht.

(LUT´84)

 

 

In wenigen Stunden geht das Jahr 2011 unweigerlich zuende. 365

         Tage lassen wir hinter uns - und mit ihnen 8760 Stunden.

         Ein Teil dieser Stunden haben wir im wahrsten Sinne des

         Wortes verschlafen. Ein Teil der verbleibenden Stunden

         ist so dahingeflossen, ohne besonders aufzufallen. Aber

         so manche Stunde wird uns aus diesem Jahr in Erinnerung

         bleiben. Mögen es gute Stunden gewesen sein, in denen

         wir unser Glück gespürt haben. Mögen es Stunden der Er-

         leichterung gewesen sein, in denen wir eine Last von uns

         genommen wurde. Mögen es Stunden der Erfüllung gewesen

         sein, in denen wir buchstäblich heilfroh waren. Gewiss

         aber gab es auch so manche Stunde, an die wir wehmütig

         zurückdenken. Vielleicht weil wir eine Chance, die sich

         uns ergab, nicht genutzt haben, und dieser Möglichkeit

         noch immer nachtrauern. Vielleicht, weil etwas zerbro-

         chen ist, was einen fühlbaren Schmerz bei uns zurückge-

         lassen hat. Vielleicht, weil wir einem Missgeschick

         nicht ausweichen konnten und mit unserem Schicksal noch

         hadern.

     

         Wir haben uns heute Abend hier zusammengefunden, um un-

         seren Alltagstrott zu unterbrechen. Für eine kurze Zeit

         nehmen wir uns aus allen Zusammenhängen heraus. Wir ge-

         hen für eine dreiviertel Stunde auf Distanz zur Welt,

         mit der wir tagein tagaus verwoben sind. Wir gönnen uns

         den Abstand und setzen uns Fragen aus, die wir im All-

         täglichen kaum stellen:

         -Was hat mich 2011 am meisten überrascht u. beeindruckt?

         -Was hat seine Spuren nachweislich bei mir hinterlassen?

         -Was hat mich besonders mitgenommen und betroffen gem.?

         -Was hat mich weiter gebracht und dankbar werden lassen?

         -Was ist leider unerfüllt und auf der Strecke geblieben?

         -Was hat mich fester, gewiss in meinem Glauben gemacht?

         -Was nehme ich aus diesem Jahr unbedingt mit ins neue?

 

         Wir schauen zurück auf ein Jahr, das nicht spurlos an

         uns vorüber gegangen ist. Ereignisse und Begebenheiten

         haben ihre Wirkung auf uns gehabt. Es hat Erfreuliches

         und Betrübliches unseren Weg gekreuzt. Wir sind über-

         rascht, aber auch enttäuscht worden. Mancherlei Erwar-

         tung konnten wir nicht erfüllen und doch auch manchem

         etwas Gutes tun. Es gab Dinge, die wir nicht verstanden

         haben und nicht fassen konnten. Aber auch Dinge, die wir

         endlich durchschaut haben, weil der Groschen bei uns ge-

         fallen ist. Wir sind ein Jahr älter geworden, aber auch

         reifer und lebenserfahrener. Längst nicht alles ist uns

         geglückt, wir haben Fehler gemacht, und nicht immer so

         gehandelt oder reagiert, wie es gut gewesen wäre. Aber

         ist das nicht menschlich?! Hören wir dazu Eugen Roth:

 

                    Ein Mensch hat eines Tags bedacht,

                   Was er im Leben falsch gemacht,

                   Und fleht, genarrt von Selbstvorwürfen,

                   Gutmachen wieder es zu dürfen.

                    Die Fee, die zur Verfügung steht,

                   Wenn sichs, wie hier, um Märchen dreht,

                   Erlaubt ihm dann auch augenblicks

                   Die Richtigstellung des Geschicks.

                    Der Mensch besorgt dies äußerst gründlich,

                   Merzt alles aus, was dumm und stündlich.

                   Doch spürt er, dass der saubern Seele

                   Ihr innerlichstes Wesen fehle,

                    Und schließlich gehts ihm auf die Nerven:

                   Er hat sich nichts mehr vorzuwerfen,

                   Und niemals wird er wieder jung

                   Im Schatten der Erinnerung.

                    Dummheiten, fühlt er, gibts auf Erden

                   Nur zu dem Zweck, gemacht zu werden. Lied

 

Wir sind unterwegs. Unterwegs durch Raum und Zeit. Das Bild, das

         uns heute Abend gegeben ist, lässt uns auf das wandernde

         Gottesvolk schauen. Dieses Volk bewegt sich am Rande der

         Wüste in der Gegenwart des Unsichtbaren. Am Tage ist es

         eine Wolkensäule, des Nachts eine Feuersäule, die das

         Gottesvolk auf seinem ungewissen Weg begleitet. Zeichen,

         die deutlich machen, dass Gott ihnen Orientierung auf

         ihrem Wege ist. So sind auch wir, so ist unsere Gesell-

         schaft unterwegs. Wir haben in diesem Jahr den arabi-

         schen Frühling erlebt, die "Arabellion" in Ägypten und

         Tunesien, Lybien und in anderen arab. Staaten. In Fuku-

         shima in Japan haben Erdbeben und Tsunami zur schlimms-

         ten Kernkraftwerkskatastrophe aller Zeiten mit unabseh-

         barer Kernschmelze geführt. Die EHEC-Seuche hat uns in

         Angst und Schrecken versetzt. Anders Breivik hat in Nor-

         wegen gezeigt, dass wir uns vor dem Wahnsinn nicht wirk-

         lich schützen können. Die Nazi-Terrorzelle öffnet uns

         die Augen für braunes Gedankengut in Deutschland. Die

         Euro- bzw. Schuldenkrise der Eurostaaten lässt uns um

         unser Geld bangen.

 

         Diese starken Bilder aus dem zuendegehenden Jahr 2011

         zeigen uns, dass auch wir am Rande der Wüste unterwegs

         sind. Diese starken Bilder zeigen uns, dass wir unseren

         Weg suchen. Noch heute bewegen wir uns immer wieder am

         Rande der Wüste und irren umher auf der Suche nach dem

         sicheren Wohnen. Darum fragen auch wir heute Abend: Wo-

         hin führt unser Weg im neuen Jahr? Nicht weniger span-

         nend wird die Frage sein: Wer oder was begleitet uns auf

         auf diesem Weg?

         

         Es ist so manches, was wir aus dem alten Jahr und frühe-

         ren Zeiten mitnehmen: Unsere Erziehung, die uns geprägt

         hat, unsere Bildung, die uns hellsichtig macht, sind

         ständige Wegbegleiter. Traditionen und Bräuche, die uns

         vertraut sind, sind uns in Fleisch und Blut übergegan-

         gen. Rituale und Regeln geben unserem Leben ihre für uns

         wichtige Ordnung. Besondere Worte und lebendige Erinne-

         rungen verbinden uns mit Menschen, denen wir begegnet

         sind und unserem gelebten Leben. Wunden und Verletzungen

         tragen wir in unserer Seele, die uns das Leben beige-

         bracht hat. Hören wir dazu noch einmal Eugen Roth:

 

                   Es gilt just bei nervösem Leiden,

                   Aufregung aller Art zu meiden;

                   Besonders wie der Doktor rät,

                   Vorm Schlafengehen, abends spät.

                   Noch mehr fast, fleht er, gib dir Müh,

                   Dich nicht zu ärgern in der Früh.

                   Und, bitte, ja nicht zu vergessen;

                   Niemals vorm, beim und nach dem Essen.

                   Wer streng zu folgen ihm bereit,

                   Hat, sich zu ärgern, kaum mehr Zeit. Lied

 

Wir ziehen weiter in ein neues Jahr. Wir werden auch 2012 unsere

         Fehler machen, weil es menschlich ist. Wir werden auch

         2012 Enttäuschungen erleben, die wir zu deuten haben.

         Damit wir aber weiterziehen können, müssen wir uns mit

         der Wüstenerfahrung des alten Jahrs versöhnen, anstatt

         uns darüber zu grün und blau zu ärgern.

         Dann können wir auf die Hoffnung schauen, die mit uns

         zieht. Wie damals das Gottesvolk am Tage die Wolkensäule

         und des Nachts die Feuersäule als Zeichen ihrer Hoffnung

         deuteten, so deuten wir Gottes Wort als unsere Hoffnung,

         unser Wohin im Leben zu deuten!

 

Kurt Rainer Klein

 

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